Tierärztliche Praxis Schwarmstedt
Pferde, Kleintiere und Klauentiere

Geburt

Elf lange Monate haben wir gewartet, um endlich zu sehen, ob unsere züchterischen Pläne aufgegangen sind oder nicht. Ob der beste Hengst mit unserer natürlich weltbesten Stute wirklich das Starfohlen gezeugt hat. Aber bevor wir uns dem wohl erstaunlichsten Vorgang im Leben aller Säugetiere widmen - dem Übergang vom Leben "im Wasser" im Körper eines anderen Lebewesens zum eigenständigen leben "an Land" noch ein paar Bitten an den Stutenhalter: hab keine Angst Deine Stute regelmäßig in der Trächtigkeit zu impfen und zu entwurmen. Das hat neben der Ernährung des Tierarztes auch einen sinnvollen Hintergrund: eine verwurmte Stute ist nicht nur anfälliger für Koliken, muss nicht nur sich selber und das Fohlen, sondern auch eine Heerschar von Parasiten ernähren, sondern überträgt auch gleich mit dem ersten Schluck Milch, den das Fohlen säuft, Wurmlarven an ihr Kleines, die zuvor aktiv in das Euter eingewandert sind. Und was wir gar nicht gebrauchen können, sind Dinge die das Wachstum unseres zukünftigen Olympiasiegers gefährden.

Ähnliches gilt für Impfungen: das Fohlen hat, wenn es das Licht des Stalles erblickt noch kein funktionierendes Immunsystem und verfügt auch noch nicht über Antikörper gegen all die Krankheitserreger, von denen es plötzlich umgeben ist. Diese Antikörper nimmt es erst und nur in den ersten 12-18 h seines Lebens über das Kolostrum (Biestmilch, also das Milchsekret der ersten Tage) auf.
Dieses zeichnet sich durch einen hohen Gehalt an Antikörpern aus und zwar umso höher, je mehr von diesen kleinen Abwehrzellen im Blut der Mutter zirkulieren und das werden nun mal nur mehr, wenn man das Muttertier impft. Man kann sogar vier Wochen vor der Geburt eine zusätzliche Impfung durchführen, um die Konzentration weiter zu erhöhen.
Hat man Befürchtungen, dass Impfungen und Wurmkuren die Frucht schädigen, kann man immer noch die besonders verlustreichen ersten drei Monate der Trächtigkeit frei von Verabreichungen halten und trotzdem ein vernünftiges Stutenmanagement beibehalten. Auch der Besuch des Hufschmieds sollte eine regelmäßige Selbstverständlichkeit sein.

Nun ist es aber soweit: der Geburtsmelder (sicher eine sinnvolle Investition, nach all dem finanziellen Aufwand für die Zucht, will man kein Fohlen verlieren, nur weil man geschlafen hat) hat uns aus dem Schlaf gerissen und wir eilen in unsere Abfohlbox, an die sich die Stute schon die einige Wochen gewöhnt hat.

Dort haben wir auch schon beobachtet, wie das Euter sich im letzten Monat langsam angebildet hat und seit zwei Tagen schon Harztropfen an den Zitzenspitzen zu sehen waren (leider auch kein sicheres Zeichen für eine unmittelbar bevorstehende Geburt). Aber nachdem die Vulva im Laufe des Tages immer schlaffer wurde und der Tierarzt in einer kleinen ermolkenen Milchprobe einen plötzlich angestiegenen Kalzium-Wert gemessen hat, sind wir nicht überrascht, dass es jetzt 336 Tage nach der letzten Ovulation (322-387 Tage sind auch möglich) losgeht.
Die Stute ist unruhig, schwitzt, legt sich hin und steht wieder auf. Kein Grund zur Panik. Die Geburt ist grundsätzlich ein ganz normaler biologischer Vorgang, der in den allermeisten Fällen kein Eingreifen durch den Menschen erfordert! Sonst hätte das Pferd die Evolution ja kaum überstanden.
Wir werden also Zeuge eines der größten Wunder der Natur: der Geburt. Was wir gerade beobachten ist die Öffnungsphase. Sie kann ein bis vier Stunden dauern. Jetzt wird das Fohlen von seiner Stellung auf der Seite oder mit dem Rücken nach unten in seine für die Geburt notwendige "obere Stellung", d.h. in Bauchlage, gebracht. Die Frucht mit den sie umgebenden Hüllen wird in den Geburtsweg gepresst und damit der Muttermund erweitert. Die Phase endet damit, dass die weinrote, über seine samtige Oberfläche mit der Gebärmutter verbundene, äußere Fruchthülle (Allantochorion) reißt und sich die wässrige Allantoisflüssigkeit aus der Scheide ergießt.

Jetzt wird mit der weißliche Kuppel der inneren Fruchthülle (Allantoamnion) das erste Mal der Inhalt der Gebärmutter im Schamspalt sichtbar. Es beginnt die Austreibungsphase. Werden Fruchtteile (normalerweise Kopf und Vordergliedmaßen) ins Becken gepresst, werden über einen Reflexbogen die Tätigkeit der Bauchmuskeln und des Zwerchfells verstärkt und zusätzlich über die Ausschüttung des Hormons Oxytocin die Kontraktionen der Gebärmutterwand verstärkt. Zu diesem Zeitpunkt legen sich die meisten Stuten in Seitenlage und erweitern so durch ein Abkippen des Beckens den Durchmesser des Knöchernen Geburtsweges (Becken). Unter den zunehmenden Kräften reißt auch das Allantoamnion und sein schleimiger Inhalt unterstützt im wahrsten Sinne eine reibungslose Geburt. Nach längstens 20 Minuten sollte die vollständige Austreibung der Frucht abgeschlossen sein. Wie schon gesagt, dauern diese Phasen nicht länger als angegeben, oder legt sich die Stute nicht so unglücklich nieder, dass die Geburtsöffnung direkt vor der Wand zu liegen kommt, ist ein Eingreifen nicht nötig.

Ist die Frucht aber geboren, können wir uns nützlich machen: erstens muss unbedingt sichergestellt werden, dass die Nüstern des Fohlens nicht von Anteilen der Fruchthüllen bedeckt sind. Das führt unweigerlich zum ersticken. Manchmal lösen sich die Fruchthüllen vorzeitig von der Innenwand der Gebärmutter und das Fohlen wird in einem komplett geschlossenen Sack geboren. Hier ist beherztes Eingreifen geboten. Keine Scheu, man kann nichts kaputt machen!
Unser nächster Blick gilt dem Nabel (dem neugierigen Züchter ist es nicht verboten, dabei auch einen kurzen Blick auf das Geschlecht zu werfen). Normalerweise reißt die Nabelschnur an einer fünf Zentimeter von der Bauchwand des Fohlens entfernte, sichtbare Einschnürung spätestens bei den ersten Aufstehversuchen ab. Aus dem Nabelstumpf sollte es nicht bluten. Ist das trotzdem der Fall, kann man mit einer (ausgekochten) Schnur und einem einfachem Knoten Abhilfe geschaffen werden. Man sollte allerdings möglichst weit außen knoten. Da der Nabel die Haupteintrittsstelle für Keime in den Organismus des Fohlens darstellt, sollte man auf jeden Fall eine Nabeldesinfektion durchführen. Fragen Sie Ihren Tierarzt nach einer entsprechenden Desinfektionslösung!
Wenn man jetzt noch sicherstellt, dass die Stute beim Aufstehen nicht auf das Neugeborene tritt, kann man eventuell schon mal einen kleinen Schnaps trinken, denn die sich anschließende Nachgeburtsphase dauert zwischen 30 Minuten und drei Stunden. In dieser Zeit sollten die vollständigen Fruchthüllen von der Gebärmutter abgelöst und ins Stroh gefallen sein.
Man kann das erleichtern, indem man den Nachgeburtsstrang, der aus der Vulva hängt, wenn die Stute aufgestanden ist, mit einem Strohband so mit sich selber verbindet, dass die Stute nicht mehr darauftreten kann und so ein gleichmäßiger Zug gewährleistet ist. Begünstigt wird das Ablösen der Nachgeburt wiederum durch das Hormon Oxytocin und das wird - clever gemacht - vermehrt ausgeschüttet, wenn das Fohlen anfängt am Euter zu saugen. Und das sollte auch in den ersten drei Stunden nach der Geburt passieren! Wenn also die Nachgeburt nach dieser Zeit nicht abgelöst ist und/oder das Fohlen nicht steht und säuft, ist es Zeit den Tierarzt Ihres Vertrauens aus dem Bett zu klingeln.
Verbleibt die Nachgeburt zu lange in der Gebärmutter, besteht durch die beginnende bakterielle Zersetzung die Gefahr einer inneren Vergiftung der Stute mit nachfolgender Geburtsrehe (Huflederhautentzündung). Dass ein Fohlen, das in den ersten Lebensstunden zu wenig säuft akut infektionsgefährdet ist, war weiter oben schon zu lesen.
Abgesehen davon muss man von einer Erkrankung ausgehen, wenn ein Fohlen kein normales Saugverhalten zeigt. Ausnahmen sind manche männlichen Nachkommen, die sich - natürlich nur zu diesem Zeitpunkt ihrer Entwicklung - einfach etwas dämlicher anstellen als ihre Schwestern und einfach nicht verstehen, wo die Milch wächst.
Steht das Fohlen und säuft, die Nachgeburt haben Sie in einem Eimer für die Inspektion durch den Tierarzt verwahrt (für Ihre Katzen und Hunde unerreichbar), sollten sie kontrollieren, ob es tiefere Einrisse in die äußerlich sichtbaren Geburtswege gegeben hat und wenn das nicht der Fall ist, wieder ins Bett gehen.

Rufen Sie Ihren Tierarzt an! Aber erst morgens! Und verabreden Sie einen Termin für die Fohlenerstversorgung. Dabei wird der Veterinär kontrollieren, ob die Stute größere Geburtsverletzungen erlitten hat und die Nachgeburt auf ihre Vollständigkeit überprüfen. Er oder sie wird überprüfen, ob bei Ihrem Fohlen Fehlstellungen oder Missbildungen vorliegen und sie entsprechend beraten. Der Nabel wird inspiziert und erneut desinfiziert und zum leichteren Absatz des Darmpechs ein Klistier verabreicht (ungerechterweise sind es schon wieder die kleinen Hengste, die häufiger an einem so genannten Darmpechverhalten leiden).
Dann müssen die Kleinen leider auch noch lernen, dass der Tierarzt ohne Spritze nicht vom Hof geht: sie bekommen die "Fohlenimpfung" injiziert. Das hat nichts mit einer aktiven Impfung zu tun, denn das Immunsystem des Fohlens arbeitet ja noch nicht richtig und auch der Einsatz von prophylaktischen Antibiotika ist nicht mehr vorgesehen, sondern es werden Antikörper gegen wichtige Erreger verabreicht und zusätzlich Vitamine, deren Mangel zu typischen Erkrankungen führen könnt (z.B. Vitamin E).
Ist die Stute in den letzten 14 Tagen vor der Geburt nicht entwurmt, sollte sie jetzt eine Wurmkur bekommen. Das Fohlen sollte am 8. und 28. Lebenstag  und dann alle vier Wochen entwurmt werden.
Zur optimalen Versorgung des Neugeborenen gehört schließlich noch die Untersuchung auf ausreichende Versorgung mit Antikörpern von der Mutter. Dazu wird dem Fohlen eine kleine Menge Blut abgenommen (frühestens zwölf Stunden nach Geburt!) und entweder mit einem Schnelltest oder im Labor untersucht. Liegt die Zahl der Abwehrkörperchen unter einem kritischen Wert, besteht für das Fohlen erhöhte Infektionsgefahr, die mit einer Verabreichung von Blutplasma in einer Infusion leicht gebannt werden kann.

Auch wenn die meisten Fohlengeburten problemlos verlaufen, gibt es doch immer wieder auch Probleme. Diese äußern sich in den meisten Fällen durch ein abweichendes Verhalten der Stute bzw. durch ein Abweichen der Dauer der verschiedenen Geburtsphasen. Sie lassen sich in den meisten Fällen nur durch den Tierarzt lösen. Zu nennen sind natürlich Fehlhaltungen des Fohlens (drei oder nur ein Bein im Geburtskanal, kopf auf der Brust oder zur Seite) oder eine Querlage (alle 4 Beine im Geburtskanal) oder eine Hinterendlage. Auch eine nicht erkannte Zwillingsträchtigkeit stellt natürlich ein erhöhtes Risiko dar. Anzeichen sind entweder nur milde Geburtsanzeichen ohne einsetzen der Bauchpresse, wenn keine größeren Fruchtteile ins Becken eintreten können oder erfolglose, massive Pressbewegungen, wenn die Frucht nicht ausgetrieben werden kann. Gerade im letzten Fall kommt es auch sehr häufig zu inneren Verletzungen der Stute, zum Beispiel wenn das Fohlen die Gebärmutterwand durchtritt und auch Verletzungen des Enddarms entstehen können. Probleme auf Seiten der Stute sind zudem hormonelle Störungen, so dass die weichen Geburtswege sich nicht vollständig weiten oder die Wehentätigkeit zu schwach ausfällt. Vor allem bei Stuten, die einem künstlichen Teilverschlusses der oberen Schamspalte unterzogen wurden (Scheiden- oder Vulvaplastik), besteht die Gefahr eines Dammrisses, wenn diese nicht vor der Geburt schon wieder geöffnet wurde. Für den Notfall kann man sich von seinem Tierarzt die Technik für einen Dammschnitt zeigen lassen. Ein großes Risiko bei älteren Stuten, die schon mehrere Fohlen bekommen haben, besteht in der Verletzung größerer Gefäße unter der Geburt. Es kann zu einem inneren Verbluten kommen, das in den seltensten Fällen durch tierärztliches Eingreifen gestoppt werden kann. Die Stuten zeigen in diesen Fällen Stunden nach der Geburt Unruhe bis hin zu kolikartigem Verhalten. Dieses ist nicht immer von einer normalen Nachwehentätigkeit zu unterscheiden. Für all diese Fälle gilt wie immer: fragen Sie Ihren Tierarzt lieber einmal zu viel um Rat als einmal zu wenig!